pars pro toto


pars pro toto
2007

Svenja Wetzenstein verfolgt eine wohltuend leise, gänzliche uneitle Kunst, die sich der heute verbreiteten starken Effekte, grell bunten Farben und großen malerischen Gesten enthält. Charakteristisch für ihre Malerei sind Alltagsszenen, die scheinbar der Zufälligkeit überlassen sind, verbunden mit sonderbaren Bildausschnitten, die nur einzelne Teile der dargestellten Motive preisgeben. Der Betrachter hat immer das Gefühl, all diese Momente schon einmal erlebt zu haben, wäre da nicht der ungewöhnliche Blick auf die Figuren, das Fragmentarische der Malerei, das ornamentale Muster der Farbflächen und der großflächig sichtbare Holzgrund – künstlerische Eingriffe, welche die vertrauten Motive plötzlich unbekannt erscheinen lassen. Diese „anonymen Porträts“ haben ihren Ursprung in der Bilderwelt eigener oder fremder Familienfotos, in gesammelten, dabei möglichst amateurhaften Schnappschüssen. Doch ist die Vorlage im Gemälde stark interpretiert, in Ausschnitt und Farbe verändert, in Szenario und Räumlichkeit verknappt, aus fotografischem Realismus in malerische Abstraktion transponiert.

Die verhaltenen Farbsetzungen führen zu höchst vitalen Figurenbildungen, die bei Svenja Wetzenstein immer Inhalt und freie Malerei in einem sind. Zwar besitzen Pinselstriche und Farbflecken noch gegenständliche Funktionen, doch zielt diese Malerei gleichzeitig auf die Überprüfung ihrer eigenen Grundlagen ab, also auf die Mittel, die zum Bild führen. Diese Reflektion über die malerischen Möglichkeiten setzt hier bereits am Bildträger an. Farbe und Maserung des Holzes funktionieren genauso wie Malerei, sind ganz nach ihrem künstlerischen Gebrauchswert eingesetzt. Dabei bleibt es in labiler Balance, ob der Malgrund im ausgeführten Bild noch reales Holz ist, realistische Abbildung von Holz (z.B. als Wandtäfelung) meint oder zu rein abstrakter Signatur (für Wasser oder Himmel) stilisiert. Jede formale Entscheidung ist hier eine inhaltliche und umgekehrt. Malerei ist nicht bloßes Abbild, sondern Filter von Realität, nämlich Fokus von Erinnerung. Die Künstlerin schafft dafür malerische Analogien: Bereits die grün gelbliche bis brauntonige Farbpalette erinnert an alte, vergilbte und farbstichige Fotografien, vor allem aber entsprechen die bildnerischen Prinzipien von Ausschnitt, Fragment und skizzenhaftem Werkcharakter unserem bruchstückhaften Erinnerungsvermögen. Dessen Mischung aus teils klaren Überlieferungen, teils isolierten Erinnerungsfetzen oder nur noch dunklen Ahnungen findet seine Entsprechung im Wechsel von durchgearbeiteten, gleichsam scharfen und detailreichen Bildern zu nur summarisch bezeichneten, holzsichtigen Leerstellen.

In Ort und Zeit nicht festgelegt, nur in einzelnen Partien ausformuliert, in der Holzoberfläche ansonsten gedanklich offen, erzählen ihre Arbeiten keine Geschichten, sondern forschen im Abrufen von Stimmungen nach unseren lang anhaltenden Prägungen. Es geht um die Verknüpfung, die zwischen Betrachter und Bild entsteht: Die zunächst trivial und deshalb so bekannt erscheinenden Szenen lenken den Blick zurück auf Eindrücke und innere Bilder, die sich unbewusst und vergleichbar lückenhaft in unser Bewusstsein eingeschrieben haben. Svenja Wetzenstein spricht ein kollektives Gedächtnis an, ihre Bilder beschwören in der suggerierten Vertrautheit die Erinnerung jedes Einzelnen und führen ihn so zur Frage nach der eigenen Identität. Die wohl wichtigste Erkenntnis angesichts ihrer Bilder ist, dass Malerei Erinnerung weitaus vielschichtiger und subtiler beschreiben kann als ein Foto, da es die überlieferten Situationen in einen emotionalen, stark assoziativen Raum transportiert.

Jens Martin Neumann