Erinnerungsströme Svenja Wetzenstein


Erinnerungsströme
2006/2009

Meine Bilder beschäftigen sich mit dem Einfluss des Gedächtnisses und der Erinnerung auf die Ausbildung der eigenen Identität.

Der Schriftsteller Salman Rushdie sagte, dass das Ich ein schwankendes Bauwerk aus „Fetzen, Dogmen, Kindheitsverletzungen, Zufallsbemerkungen, alten Filmen, kleinen Siegen, Menschen, die wir hassen und Menschen, die wir lieben“ sei.

Diese Erinnerungsfetzen sind das Thema meiner Bilder.
Erinnerungen grenzen die Menschen voneinander ab. Jeder hat seine eigenen, ganz persönlichen.
Dennoch gibt es auch ein kollektives Unbewusstes, in dem unabhängig von individueller Erfahrung, die Urerinnerungen der Menschheit abgespeichert sind. Sie sind die Übergänge zwischen den Menschen, indem sie eine ähnliche Grundlage, die Möglichkeit eines Verständnisses bilden.

Ich nutze als Ausgangspunkt für die gemalten Bilder Fotos, am liebsten technisch nicht perfekte Schnappschüsse, die längst vergangene Situationen dokumentieren. Dabei interessiert es mich nicht, ob es sich um Fotos handelt, die meine eigenen Erinnerungen widerspiegeln oder um solche, die zu einem anderen Leben gehören. Es ist nicht wichtig, da das Bild unwillkürlich ins Bewusstsein des Betrachters dringt, mit seinen eigenen Erinnerungen verschmilzt und dabei in seine Identität einfließt und so zu deren Bestandteil wird. Die Menschen, die einem in den Bildern begegnen, werden zu einem Stück des eigenen Inneren im Kontext mit persönlichen Erinnerungen und Gedanken.
Meine Bilder erzählen keine Geschichten. Sie zeigen eine einzige, aus dem Zusammenhang gerissene Situation, die durch ein Foto festgehalten wurde.

Ich male Ausschnitte dieser Fotos auf Holzplatten. Die Menschen auf meinen Bildern sind scharf von ihrer Umgebung abgegrenzt. Das unbehandelte Holz, das ich partienweise stehen lasse, bildet einen offenen Grund für die konkret ausgearbeitete Person. Die zarte „Aura“, die sich durch den Ölrand der Farbe zwischen bemalter Fläche und Holz bildet, schafft Übergänge zwischen den Bildteilen, zwischen rohen und bearbeiteten Stellen. Der unbearbeitete Holzton lässt Assoziationen des Betrachters zu, bettet die intensiv bearbeiteten Bildteile ein und lässt sie trotzdem als in der Situation fremde Körper erscheinen. Teile des Bildes bleiben also frei von Farbbehandlung, wohingegen andere Teile ausgearbeitet sind. Dieses formale Vorgehen findet seine Entsprechung im Gelebten: Das Erinnerungsvermögen weist „scharfe“, detailreiche Bilder auf, ebenso wie Wahrnehmungslücken, größere oder kleinere freie Flächen. Dazwischen sind schattenhafte, verwischte Bruchstücke von Erinnerungen, von denen man häufig nicht weiß, ob man sie erlebt oder geträumt hat. Das Prinzip des Sporadischen, Abbruchhaften und des intensiven Bearbeitens andererseits findet sich also in der Realität des Erinnerungsvermögens wieder.

Durch den Transfer des Mediums Foto in Malerei lade ich das Motiv mit Zeit auf, da ich viele Stunden brauche, um den Ausschnitt eines Fotos zu malen, das in Bruchteilen von Sekunden fotografiert wurde. Ein versehentlich vor das Objektiv des Fotoapparates geflogene Staubkorn gewinnt an Bedeutung und Wichtigkeit, da es zum expliziten, bewussten Gegenstand des gemalten Bildes wird und folglich mehr Zeit enthält als das Foto im Original.

Svenja Wetzenstein